Chance-Risiko-Verhältnis (CRV) verstehen
Nicht jeder Trade muss aufgehen – entscheidend ist, wie groß Gewinn und Verlust im Verhältnis zueinander stehen.
7 Min. Lesezeit
Viele Einsteiger denken in der Frage "Wie oft liege ich richtig?". Das klingt naheliegend, greift aber zu kurz. Genauso wichtig ist die Frage, wie viel du gewinnst, wenn du richtig liegst – und wie viel du verlierst, wenn du daneben liegst. Genau dieses Verhältnis beschreibt das Chance-Risiko-Verhältnis, kurz CRV (englisch Risk-Reward-Ratio).
Das CRV vergleicht den möglichen Gewinn eines Trades mit dem Betrag, den du vorher bewusst riskierst. Es ist kein Wundermittel und keine Garantie, sondern eine ruhige Rechengröße, mit der du jeden Trade vor dem Einstieg einordnen kannst. In diesem Guide schauen wir uns an, wie das CRV gerechnet wird, warum ein Wert deutlich über 1 hilft und wie es mit deiner Trefferquote zusammenspielt.
Was das CRV genau beschreibt
Das CRV setzt zwei Beträge ins Verhältnis: das Risiko und die Chance. Das Risiko ist der Abstand zwischen deinem Einstieg und deinem Stop-Loss – also der Marke, an der du den Trade mit einem festen Verlust beendest, wenn er gegen dich läuft. Die Chance ist der Abstand zwischen deinem Einstieg und deinem Kursziel, dem Punkt, an dem du den Gewinn mitnimmst.
Ein Beispiel: Du steigst bei 100 ein, setzt deinen Stop bei 98 (also 2 Punkte Risiko) und dein Ziel bei 106 (also 6 Punkte Chance). Dann beträgt dein CRV 6 zu 2, gekürzt also 3 zu 1. Du riskierst eine Einheit, um drei zu gewinnen. Bei einem Ziel von 102 wäre es nur 2 zu 2, also 1 zu 1 – gleich viel Chance wie Risiko.
Wichtig: Das CRV ist eine Planungsgröße vor dem Einstieg. Es sagt nichts darüber aus, ob der Trade tatsächlich aufgeht. Es sagt nur, in welchem Verhältnis Gewinn und Verlust zueinander stehen, wenn entweder das Ziel oder der Stop erreicht wird.
- Risiko = Abstand vom Einstieg bis zum Stop-Loss, in Punkten, Euro oder Prozent gemessen.
- Chance = Abstand vom Einstieg bis zum geplanten Kursziel, in derselben Einheit gemessen.
- CRV = Chance geteilt durch Risiko. 6 Punkte Chance bei 2 Punkten Risiko ergeben 3 zu 1.
- Lege beide Marken fest, bevor du einsteigst – nicht erst, wenn der Trade schon läuft.
CRV und Trefferquote – warum beide zusammen zählen
Die Trefferquote sagt, wie viele deiner Trades im Gewinn enden. Sie allein entscheidet aber nicht, ob unterm Strich etwas übrig bleibt. Erst das Zusammenspiel aus Trefferquote und CRV ergibt das Gesamtbild. Das ist der Grund, warum man mit einer niedrigen Trefferquote trotzdem nicht zwangsläufig im Minus liegen muss – und warum eine hohe Trefferquote allein noch nichts beweist.
Rechne es einmal nüchtern durch. Angenommen, du gewinnst nur 4 von 10 Trades, also 40 Prozent. Wenn jeder Gewinn aber 3 Einheiten bringt und jeder Verlust nur 1 Einheit kostet, stehen 4 mal 3 Gewinneinheiten (zusammen 12) gegen 6 mal 1 Verlusteinheit (zusammen 6). Über die zehn Trades hinweg bliebe rechnerisch ein Plus, obwohl du häufiger falsch als richtig lagst.
Umgekehrt gilt das Gleiche: Wer 7 von 10 Trades gewinnt, aber bei jedem Verlust dreimal so viel verliert wie bei einem Gewinn, kann am Ende im Minus landen. Eine hohe Trefferquote fühlt sich gut an, fängt ein schlechtes CRV aber nicht automatisch auf. Beide Größen gehören immer zusammen betrachtet, nie isoliert. Diese Beispiele sind reine Rechenmodelle zur Veranschaulichung – in der Praxis schwanken Trefferquote und CRV, und Gebühren sowie Slippage kommen hinzu.
Realistische Ziele statt Wunschziele
Ein gutes CRV entsteht nicht dadurch, dass du dein Kursziel einfach weit nach oben schiebst. Auf dem Papier sieht ein Ziel mit 10 zu 1 verlockend aus – aber nur, wenn der Markt diese Strecke realistisch zurücklegen kann. Setzt du dein Ziel an einen Punkt, den der Kurs kaum erreicht, hast du zwar ein schönes CRV im Plan, aber eine sehr niedrige Trefferquote in der Realität. Das eine erkauft das andere.
Sinnvoller ist es, das Ziel an dem auszurichten, was der Markt hergibt: an der nächsten markanten Marke, an einer Struktur im Chart, an der üblichen Bewegungsweite. Genauso gehört der Stop dorthin, wo deine Trade-Idee sachlich widerlegt wäre – nicht dorthin, wo das CRV gerade gut aussieht. Das CRV ergibt sich aus diesen beiden ehrlich gewählten Marken, es wird nicht andersherum erzwungen.
Mit der Zeit lernst du aus deinen eigenen aufgezeichneten Trades, welches CRV zu deiner tatsächlichen Trefferquote passt. Das ist der ruhige, langsame Weg – und der einzige, der auf deinen echten Zahlen beruht statt auf Wunschdenken.
Typische Missverständnisse
- ✕Das CRV nur am Gewinnziel ausrichten und den Stop dorthin schieben, wo die Zahl gut aussieht, statt dorthin, wo die Idee wirklich widerlegt ist.
- ✕Glauben, eine hohe Trefferquote allein bedeute Erfolg – ohne zu prüfen, wie groß die Verluste im Verhältnis zu den Gewinnen sind.
- ✕Wunschziele setzen, die der Markt realistisch kaum erreicht, und sich über ein scheinbar tolles CRV freuen, das in der Praxis selten eintritt.
- ✕Stop und Ziel erst während des laufenden Trades festlegen oder nachträglich verschieben, sodass das geplante CRV gar nicht mehr gilt.
Mit FlowTrader anwenden
Ob dein geplantes CRV zu deiner tatsächlichen Trefferquote passt, zeigt sich erst über viele Trades hinweg – und nur, wenn du sie festhältst. In FlowTrader trägst du pro Trade dein geplantes Risiko, dein Ziel und das Ergebnis ein. Nach ein paar Wochen siehst du schwarz auf weiß, mit welchem durchschnittlichen CRV du tatsächlich handelst und wie oft deine Trades aufgehen. So ersetzt du Bauchgefühl durch deine eigenen Zahlen und erkennst nüchtern, ob CRV und Trefferquote zusammenpassen.
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